Hilfreich, aber nicht die ganze Wirklichkeit
„Was stimmt eigentlich nicht mit mir?“
Oft steckt hinter dieser Frage die Hoffnung, die eigenen Beschwerden endlich zu verstehen und einzuordnen. Vielleicht wurde bereits eine Depression, Angststörung, ADHS oder eine andere Diagnose gestellt.
Diagnosen können Orientierung geben, die Kommunikation zwischen Fachpersonen erleichtern, Forschung unterstützen und sind häufig Voraussetzung für die Kostenübernahme durch Krankenkassen. Für viele Menschen ist es außerdem entlastend zu erfahren, dass andere ähnliche Erfahrungen machen und dass es Erklärungen und Unterstützung für das eigene Erleben gibt.
Diagnosen als Landkarten
Diagnosen helfen dabei, Muster zu erkennen und Beschwerden einzuordnen. Sie sind jedoch keine vollständige Abbildung der Wirklichkeit.

Vielleicht kann man sie mit einer Landkarte vergleichen: Sie hilft bei der Orientierung, zeigt wichtige Zusammenhänge und vereinfacht eine komplexe Landschaft.
Je nach Zoomstufe werden manche Dinge sichtbar, während andere Details verschwinden.
So verhält es sich auch mit psychischen Diagnosen. Sie zeigen eine bestimmte Perspektive, aber nicht den ganzen Menschen.
Zwei Menschen mit derselben Diagnose können sich erheblich unterscheiden in ihrer Persönlichkeit, ihrer Lebensgeschichte, ihren Beziehungen, ihren Stärken und ihren Bedürfnissen. Die Wirklichkeit hält sich dabei auch nicht immer an die Kategorien unserer Diagnosehandbücher.
Wie entstehen Diagnosen?
Anders als ein Knochenbruch, der sich auf einem Röntgenbild erkennen lässt, sind psychische Beschwerden nicht direkt sichtbar. Sie zeigen sich vor allem im Erleben, Denken, Fühlen und Verhalten eines Menschen.

Um diese Erfahrungen besser beschreiben zu können, werden typische Symptome zu Störungsbildern zusammengefasst. So können beispielsweise Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen, Interessenverlust und Antriebsmangel unter bestimmten Voraussetzungen als Depression eingeordnet werden.
Für Diagnosen gibt es festgelegte Kriterien, die regelmäßig überprüft und in Diagnosesystemen wie dem ICD weiterentwickelt werden.
Diagnosen sind dabei keine unveränderlichen Wahrheiten. Sie sind Modelle, die auf dem aktuellen Stand von Wissenschaft und gesellschaftlichem Verständnis beruhen. Die Art, wie wir psychische Gesundheit verstehen und beschreiben, verändert sich dementsprechend.
Ein bekanntes Beispiel ist die Homosexualität, die früher als psychische Störung galt und heute nicht mehr.
Gleichzeitig bleibt die Frage, wann eine Diagnose zu einem besseren Verständnis beiträgt und wann sie beginnt, das Erleben auf ein Etikett zu reduzieren.
Was möchte ein Symptom ausdrücken?
Diagnosen können Orientierung geben, Sprache für Leid schaffen und Wege zur Unterstützung eröffnen. Gleichzeitig bleiben sie eine Vereinfachung einer komplexen menschlichen Wirklichkeit.
In der Psychotherapie geht es deshalb nicht nur darum, eine Diagnose zu verstehen. Es geht vor allem darum, den Menschen hinter der Diagnose kennenzulernen: seine Geschichte, seine Beziehungen, seine Belastungen, seine Stärken und seine ganz persönlichen Lebensthemen.
Deshalb kann noch eine andere Frage wichtig werden:
„Was versucht mein Erleben mir mitzuteilen?“
Aus dieser Sicht ist ein Symptom nicht ausschließlich etwas, das beseitigt werden muss. Oft stellt es auch eine verständliche Reaktion auf belastende Erfahrungen oder Lebensumstände dar.
Wer lange überfordert war, reagiert möglicherweise mit Erschöpfung oder Rückzug. Wer häufig kritisiert wurde, entwickelt vielleicht eine starke Ängstlichkeit gegenüber Fehlern.
Symptome und Diagnosen werden dann nicht als zufällig verstanden, sondern im Zusammenhang mit der individuellen Lebensgeschichte eines Menschen betrachtet.
Im Folgenden einige Beiträge zu wichtigen Psychischen Diagnosen:
Depression
Angststörungen