Tiefenpsychologie

Was ist tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie?

Zu diesem Thema stehen auch eine Podcast-Folge und ein Erklärvideo zur Verfügung.

Viele Menschen fragen sich, was tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie eigentlich bedeutet und wie sie sich von anderen Therapieformen unterscheidet.

Dieser Beitrag erklärt die Grundideen der Tiefenpsychologie anhand von Beispielen aus Alltag, Kultur und psychotherapeutischer Praxis.
Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie geht davon aus, dass wir nicht nur von bewussten Gedanken und Entscheidungen beeinflusst werden.

Ein Teil unseres Erlebens läuft unbewusst ab. Dabei geht es um innere Muster, Bedeutungen Erwartungen, Konflikte und Gefühle, die unser Erleben beeinflussen, ohne dass wir sie jederzeit bewusst wahrnehmen.

Viele dieser Muster entstehen in frühen Beziehungen. Dort lernen wir, wie Nähe entsteht, wie Konflikte gelöst werden, ob und welche Bedürfnisse willkommen sind und wie wir mit Gefühlen umgehen.

Diese Erfahrungen prägen oft auch unsere Erwartungen, unsere Beziehungen und unseren Umgang mit uns selbst und der Welt.

Wie wirkt tiefenpsychologische Psychotherapie?

Muster Verstehen

In vielen Lebensphasen oder bei unterschiedlichsten Beschwerdebilder kann es hilfreich sein sich den Fragen zu nähern:
„Warum entstehen die Schwierigkeiten gerade jetzt?“ oder „Welche Geschichte erzählen diese möglicherweise?“.

Im Rahmen einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie wird versucht, solche Zusammenhänge sichtbar und zunehmend erlebbar werden zu lassen. Wie dies aussehen kann, zeigen auch die später folgenden Fallbeispiele.

Dabei geht es nicht darum, die Vergangenheit für alles verantwortlich zu machen oder jede Schwierigkeit auf die Kindheit zurückzuführen. Vielmehr soll verstanden werden, wie bestimmte Muster entstanden sind, weshalb sie heute möglicherweise belastend geworden sind und welche Erfahrungen oder Entwicklungsmöglichkeiten dadurch eingeschränkt werden. Denn vieles, was heute belastet, war früher möglicherweise eine sinnvolle Form der Anpassung.

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Erleben integrieren

Wenn Symptome im Zusammenhang mit der eigenen Lebensgeschichte verstanden werden, verschwinden sie nicht zwangsläufig.

Vielmehr kann es darum gehen, Gefühlen zu begegnen, die lange vermieden, abgewehrt oder nur schwer ausgehalten werden konnten. Gefühle wie Ohnmacht, Traurigkeit, Wut, Scham oder Einsamkeit werden dabei nicht einfach „freigesetzt“, sondern schrittweise erkundet, verstanden und in einen größeren Zusammenhang eingeordnet.
Ebenso können ungelebte Potenziale in den Blick geraten. Wünsche, Ziele, Hoffnungen oder Fantasien, die lange wenig Raum hatten, können zunehmend wahrgenommen und im eigenen Leben berücksichtigt werden.

Im Verlauf einer tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie können so neue Fähigkeiten entstehen: Bedürfnisse wahrzunehmen, Grenzen zu setzen, Konflikte auszuhalten oder Gefühle auszudrücken. Dabei geht es jedoch oft um mehr als einzelne Verhaltensweisen. Es wird angenommen, dass Menschen mit der Zeit mehr innere Freiheit entwickeln können, wenn die Muster in Bewegung geraten, die ihr Erleben und Handeln bislang geprägt haben.

Wer beispielsweise gelernt hat, Unsicherheit vor allem durch Kontrolle zu bewältigen, entdeckt möglicherweise weitere Wege, mit Ungewissheit umzugehen. Wer seinen Selbstwert stark an Leistung geknüpft hat, entwickelt vielleicht einen anderen Umgang mit den eigenen Grenzen und den damit verbundenen Minderwertigkeitsgefühlen. Wer Nähe hauptsächlich durch Anpassung gesichert hat, kann unter Umständen lernen, auch eigene Bedürfnisse stärker in Beziehungen einzubringen.

Dadurch kann häufig mehr innerer Entscheidungsspielraum entstehen. Reaktionen müssen dann nicht mehr ausschließlich den vertrauten Mustern folgen, sondern können bewusster gestaltet werden.

Veränderung wird deshalb nicht nur als Verringerung von Symptomen verstanden. Ebenso geht es darum, neue Möglichkeiten zu entwickeln, mit sich selbst und anderen in Beziehung zu treten und das eigene Leben freier zu gestalten.

Welche Rolle spielen unbewusste Muster in Kultur und Medien?

Die Vorstellung, dass unsere Vergangenheit Einfluss auf unser heutiges Erleben hat, ist längst nicht mehr nur ein psychotherapeutisches Konzept. Auch die Idee, dass unbewusste Wünsche oder Ängste unser Verhalten beeinflussen können, begegnet uns heute in vielen Bereichen des Alltags.

In Filmen, Serien, Romanen und Liedern interessieren uns Figuren oft gerade deshalb, weil wir ihre Geschichte verstehen. Immer wieder geht es darum, wie Menschen zu den Personen geworden sind, die sie heute sind.

Batman verliert als Kind seine Eltern und kämpft als Erwachsener gegen Verbrechen. In Hitchcocks Psycho wirkt die Beziehung zur Mutter noch lange nach ihrem Tod weiter. In die Eiskönigin lernt Elsa früh, ihre Gefühle zu kontrollieren und zu verstecken. In Findet Nemo wird Marlins übermäßige Vorsicht erst verständlich, wenn man den traumatischen Verlust kennt, den er erlebt hat. Harry Potter ist auch körperlich gebrandmarkt von seiner frühen Kindheit, aber magisch geschützt durch die Liebe der Eltern.
Auch viele moderne Serien erzählen auf ähnliche Weise. In Shameless oder The Bear wirken familiäre Konflikte, Loyalitäten, Vernachlässigung und Bindungserfahrungen oft über Generationen hinweg nach.

In der Musik wirkt das Album The Wall von Pink Floyd stellenweise wie eine tiefenpsychologische Auseinandersetzung mit Verlust, Isolation, autoritären Erfahrungen und dem Wunsch nach Befreiung. In Family Portrait beschreibt Pink die Auswirkungen einer elterlichen Trennung und deutet an Liebe aus Selbstschutz in Zukunft lieber zu vermeiden „I don’t want love to destroy me like it did my family“.
Viele Menschen erkennen sich in solchen Geschichten wieder, weil sie etwas über menschliche Erfahrungen erzählen, die weit über die einzelnen Figuren hinausgehen.

Aber auch Werbung und Marketing versucht häufig zum Teil unbewusste Wünsche und Fantasien der Zielgruppen anzusprechen. Produkte werden selten nur über ihren praktischen Nutzen verkauft. Sie werden mit Freiheit, Zugehörigkeit, Attraktivität, Sicherheit, Erfolg oder Anerkennung verknüpft. Dahinter steht die Annahme, dass Menschen nicht ausschließlich rational entscheiden, sondern auch von Gefühlen, Fantasien und ihren Trieben beeinflusst werden.

Die tiefenpsychologische Perspektive greift genau diese Art des Verstehens auf. Sie versucht zu verstehen, welche unbewussten Bedeutungen und welche verborgenen Motive unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen.
Mitunter scheinen diese unbewussten Kräfte einen größeren Einfluss auf uns zu haben, als uns lieb ist. Sigmund Freud formulierte dies in seinem berühmten Satz, der Mensch sei „nicht Herr im eigenen Haus“, und beschrieb diese Einsicht als eine der großen Kränkungen des menschlichen Selbstverständnisses.

Fallbeispiel: Wie Angst und Panikattacken nach einer Trennung verständlich werden können

Man in navy blazer and tie sitting at conference table with documents and water bottleSame man distressed vulnerable shadow version

Joakob ist 36 Jahre alt. Vor einigen Monaten hat sich seine Partnerin nach vielen gemeinsamen Jahren von ihm getrennt. Seitdem schläft er schlecht, grübelt viel und erlebt zum ersten Mal Ängste und Panikattacken.

Das irritiert ihn. Natürlich schmerzt die Trennung. Aber warum reagiert er so stark? Er hat sich doch immer als belastbar, erfolgreich und stabil erlebt. Sogar eine neue Beziehung bahnt sich bereits an.

Jakob wuchs als ältester von drei Geschwistern auf. Die Mutter war mit den jüngeren Kindern stark gefordert, der Vater beruflich viel unterwegs.

Schon früh wurde Jakob zum Vernünftigen. Zum Zuverlässigen. Zu dem Kind, das funktionierte und wenig zusätzliche Probleme machte. Dafür bekam er Anerkennung.
Die Mutter war dankbar, wenn Jakob wenig Belastung verursachte. Der Vater zeigte sich stolz auf seine Leistungen. So lernte Jakob, seinen Selbstwert vor allem aus Leistung, Zuverlässigkeit und Verantwortungsgefühl zu beziehen.

Eigene Bedürfnisse, Ärger oder Enttäuschung hatten dagegen wenig Platz. Als Kind bedeutete das vermutlich auch die Erfahrung, mit manchen Wünschen, Verletzungen und Gefühlen allein zu sein. Mit der Zeit entwickelte er verschiedene Wege, mit diesen schmerzhaften Gefühlen umzugehen.

Enttäuschung darüber, nicht ausreichend gesehen zu werden, konnte durch Leistung kompensiert werden. Die Hoffnung lautete vielleicht:

„ich muss mich nur genug anstrengen, um Anerkennung zu bekommen.“

Auch Gefühle von Unsicherheit oder Minderwertigkeit konnten durch Erfolge und Stärke ausgeglichen werden.
Ärger fand möglicherweise eher Ausdruck im Sport als in Beziehungen. Dort konnte Spannung abgebaut werden, ohne Konflikte eingehen oder Bedürfnisse formulieren zu müssen.

Diese Strategien waren nicht falsch. Im Gegenteil: Sie halfen Jakob viele Jahre dabei, sein Leben erfolgreich zu gestalten. Aus tiefenpsychologischer Sicht könnten sie aber gleichzeitig dazu beigetragen haben, dass die dahinterliegenden Gefühle und Bedürfnisse immer weniger bewusst erlebt werden mussten. Solange diese Lösungen funktionierten, bestand dafür auch wenig Anlass.

Wenn die Lösung an ihre Grenzen kommt

In seiner Partnerschaft zeigte sich jedoch zunehmend ein Konflikt. Seine Partnerin wünschte sich mehr emotionale Nähe. Mehr Offenheit. Mehr Einblick in das, was in ihm vorging.

Für Jakob war das schwer nachvollziehbar. Er kümmerte sich, übernahm Verantwortung und versuchte für seine Partnerin da zu sein. Für ihn war genau das Ausdruck von Liebe.

Seiner Partnerin fehlte jedoch etwas anderes: die Begegnung mit dem Menschen hinter dem Funktionieren. Seine Wünsche, Bedürfnisse und Verletzlichkeiten. Vielleicht genau jene Seiten, die Jakob schon als Kind gelernt hatte zurückzustellen.

Kurz vor der Trennung verletzte er sich außerdem am Knie und verlor mit dem Sport einen wichtigen Ausgleich.

Plötzlich funktionierten mehrere seiner gewohnten Lösungen nicht mehr. Die Beziehung ließ sich nicht durch mehr Anstrengung retten. Der Sport konnte innere Spannungen nicht mehr auffangen und die Situation entzog sich seiner Kontrolle.

Die Trennung macht etwas sichtbar

Aus tiefenpsychologischer Sicht könnte nicht nur die Beziehung verloren gehen, sondern auch bisherige Antworten auf die Frage, wie Nähe, Wert und Verbundenheit entstehen, nicht mehr funktionieren.
Die Hoffnung, über Leistung, Stärke und Verantwortungsgefühl Anerkennung, Nähe und Verbundenheit zu sichern, stößt plötzlich an ihre Grenzen. Die Vorstellung, mit Unsicherheit, Bedürftigkeit oder Verletzlichkeit sichtbar zu werden, fühlt sich gleichzeitig bedrohlich, fast unmöglich, an.

Wie soll ich mich auch mit meiner Verletzlickeit zeigen, wenn ich befürchte, genau dafür abgelehnt zu werden?

So entsteht ein inneres Dilemma: Einerseits sehnt sich Jakob nach Nähe und Verbundenheit. Andererseits scheint genau das, was mehr Nähe ermöglichen würde – sich mit seinen Gefühlen, Bedürfnissen und Verletzungen zu zeigen –, nicht möglich.

Die Trennung macht dieses Dilemma besonders schmerzhaft sichtbar und eine Seite von Jakob meldet sich, die lange Zeit durch andere Lösungen verdeckt werden konnte. Die Sehnsucht nach Unterstützung, die Angst, nicht wichtig zu sein,
die Enttäuschung darüber, sich oft allein durchkämpfen zu müssen. Gefühle wie Einsamkeit, Ohnmacht, Wut oder Unsicherheit treten stärker in den Vordergrund. Seine Ängste und Panikattacken könnten dann auch Ausdruck davon sein, dass die bisherigen Lösungen nicht mehr ausreichen, um mit diesen Gefühlen umzugehen.

Vom Funktionieren zum Erleben

In einer Psychotherapie könnte es dann nicht nur darum gehen zu verstehen, warum Jakob heute so reagiert oder einen Umgang mit Panikatacken zu finden. Es geht auch darum, neue Erfahrungen zu machen.
Vielleicht erlebt er im Therapeutischen Kontext, dass er weder stark noch besonders leistungsfähig sein muss, um willkommen zu sein. Dass jemand interessiert bleibt, auch wenn er unsicher, traurig oder wütend ist. Die Ängste verschwinden dabei nicht sofort. Aber sie bekommen Raum und können zunehmend verstanden werden. Sie ergeben plötzlich mehr Sinn. Nach und nach beginnt Jakob vielleicht wahrzunehmen, was lange hinter Leistung, Verantwortung und Funktionieren verborgen war: Gefühle, Bedürfnisse, Enttäuschungen, aber auch Wünsche und Sehnsüchte.

Vieles davon geschieht dann nicht nur im Therapieraum. Vielleicht erinnert er sich an seine Liebe zum Blues und merkt, wie sehr ihn die Musik in seiner Einsamkeit berührt. Vielleicht spricht er mit einem alten Freund zum ersten Mal darüber, wie es ihm wirklich geht. Vielleicht wagt er es, an manchen Stellen weniger zu funktionieren und genauer hinzuhören, was er selbst braucht.
Auch Beziehungen können sich verändern. Vielleicht geht Jakob einen Konflikt mit seiner Mutter an, den er lange vermieden hat. Die Gespräche sind nicht einfach und führen nicht sofort zu einer Lösung. Dennoch entsteht allmählich mehr Ehrlichkeit, mehr Klarheit oder ein anderes Verständnis füreinander.

Aus tiefenpsychologischer Sicht entsteht Veränderung oft indem das zuvor vermiedene Erleben verstanden, erlebt und nach und nach in das eigene Leben integriert werden kann. Die Veränderung bedeutet dabei nicht unbedingt, ein anderer Mensch zu werden. Vielleicht bedeutet sie eher, mehr Möglichkeiten zu haben, das konstruktiv zu leben und auszudrücken, was man bereits ist.

Fallbeispiel: Erschöpfung, Selbstwert, ungelebte Wünsche und Lebendigkeit

Aber auch Wünsche, Sehnsüchte und Möglichkeiten, die im Leben eines Menschen wenig Raum bekommen haben können ein wichtiger Fokus sein. Manches zeigt sich in Tagträumen, Fantasien, wiederkehrenden Sehnsüchten, Neid, Bewunderung oder manchmal auch in der Faszination für Menschen, die etwas verkörpern, das wir selbst kaum zulassen können.

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Julia ist 57 Jahre alt, verheiratet, Mutter von zwei Kindern und stellvertretende Schulleiterin eines Gymnasiums. Sie ist beruflich erfolgreich, engagiert und wird geschätzt. Die Familie ist stabil, finanzielle Sorgen gibt es kaum. Trotzdem taucht seit einigen Jahren immer wieder eine Frage auf:

„Warum fühlt sich mein Leben oft so anstrengend an?“

Julia beschreibt weniger Traurigkeit als eine merkwürdige Form von Erschöpfung. Sie hat das Gefühl, ständig etwas organisieren, planen und im Blick behalten zu müssen. Als würde sie ihr Leben verwalten, aber nicht wirklich selbst darin vorkommen.
Wenn die innere Leere zu drückend wird, wechseln ihre Gedanken oft zu ihrer Tochter Lena.

Lena ist 21 Jahre alt, hat gerade ihr Studium unterbrochen und plant, mehrere Monate durch Asien zu reisen. Sie lebt wechselnde Beziehungen, ist beruflich unentschlossen und scheint sich erstaunlich wenig Sorgen darüber zu machen, wo sie in fünf Jahren stehen wird.

Julia beschreibt sich selbst als offen und liberal. Eigentlich findet sie, dass junge Menschen ihre eigenen Erfahrungen machen sollten. Und trotzdem kreisen ihre Gedanken immer wieder um ihre Tochter. Sie sorgt sich um Risiken. Sie kritisiert die fehlende Planung. Manchmal ärgert sie sich über die scheinbare Orientierungslosigkeit und die sexuelle Freizügigkeit ihrer Tochter. Die Intensität dieser Reaktionen überrascht sie selbst.

Ein vernünftiges Leben

Julia wuchs als Einzelkind in einer akademischen Familie auf. Ihre Eltern förderten sie engagiert und ermöglichten ihr vieles: Klavierunterricht, Volleyballtraining, Schüleraustausch nach England und Mittagessen in Bio-Qualität.

Gleichzeitig spürte sie schon früh, wie viel Hoffnung auf ihr lag. Sie war eine gute Schülerin, zuverlässig, leistungsbereit und erfolgreich. Umwege oder längere Phasen der Orientierungslosigkeit spielten in ihrem Leben kaum eine Rolle. Nach dem Abitur studierte sie Lehramt, begann zu arbeiten und machte beruflich Karriere.

Die Familiengründung fand später statt, als sie es sich vorgestellt hatte. Beziehungen waren für sie lange nicht einfach. Schließlich heiratete sie einen Kollegen, gründete eine Familie und vieles fügte sich scheinbar ganz selbstverständlich.

Viele Entscheidungen erschienen vernünftig. Viele Wege öffneten sich fast von selbst. Nur die Frage, was sie eigentlich selbst wollte, stellte sich immer seltener.

Irgendwann erinnert sie sich an eine Szene aus ihrer Kindheit. Als kleines Mädchen wollte sie einmal auf einen Kirschbaum klettern. Nicht besonders hoch. Einfach aus Neugier. Und weil die Kirschen weiter oben so wunderschön rot aussahen.
Ihre Eltern bemerkten es sofort, erschraken und holten sie wieder herunter. Das sei viel zu gefährlich. Niemals dürfe sie dort hinaufklettern, schon gar nicht allein. 
Heute macht Julia ihren Eltern dafür keinen Vorwurf. Sie versteht sehr gut, warum sie so reagierten.

Und dennoch ist ihr etwas anderes in Erinnerung geblieben. Niemand sagte: „Komm, wir schauen gemeinsam nach oben.“ Niemand schien zu verstehen, dass die Kirschen dort oben einfach verlockender aussahen.

Natürlich erklärt eine einzelne Szene kein ganzes Leben. Es gibt kein Kirschbaum-Trauma. Und doch scheint diese Erinnerung etwas zu veranschaulichen, das Julia immer wieder erlebt hat:

Sicherheit war wichtiger als Abenteuer. Vernunft wichtiger als Neugier. Das Richtige wichtiger als das Eigene.

Die Tochter als Spiegel

Vor diesem Hintergrund beschäftigt Julia vielleicht nicht nur, was ihre Tochter tut aus mütterlicher Sorge. Lena erlaubt sich Dinge, die für Julia immer schwierig waren. Sie reist, ohne genau zu wissen, was danach kommt. Sie probiert sich aus. Sie verliebt sich, trennt sich wieder und beginnt neu. Sie scheint ihrem eigenen Erleben mehr zu vertrauen als Plänen und Sicherheiten.

Manchmal spürt Julia beinahe Empörung darüber, dass ihre Tochter es wagt, etwas auszuprobieren, ohne bereits zu wissen, wohin es führt. Und gleichzeitig taucht noch etwas anderes auf. Vielleicht Neid. Vielleicht Sehnsucht. Vielleicht die Erinnerung an eine Seite in ihr selbst, die lange wenig Platz hatte. 
Nicht nur Sexualität oder Abenteuer. Sondern Lebendigkeit. Neugier und die Fähigkeit, sich von den eigenen Wünschen berühren zu lassen.

Je mehr Lena sich ausprobiert, desto stärker scheint Julia Ordnung herstellen zu wollen. Sie plant, kontrolliert und sorgt sich. Nicht unbedingt, weil die Situation objektiv besonders gefährlich wäre. Sondern vielleicht auch, weil etwas in ihr selbst unsicher geworden ist.

Zwei unterschiedliche Ängste

Dabei steht auch Lena vor einem Konflikt. Während Julia gelernt hat, Sicherheit über Leistung, Anpassung und Verantwortung zu finden, scheint Lena Angst davor zu haben, genau so zu werden.

Sie erlebt ihre Mutter als erfolgreich, aber auch erschöpft, kontrollierend und selten wirklich zufrieden. Manchmal wirkt es auf sie, als würde Erwachsensein bedeuten, die eigene Lebendigkeit gegen Pflichten einzutauschen. Deshalb fällt es ihr schwer, sich festzulegen. Vielleicht auch, weil jede Entscheidung die Gefahr birgt, genau die Freiheit zu verlieren, die ihr so wichtig ist.

Verantwortung übernehmen, sich binden oder einen Weg einschlagen wird dann schnell als Verlust erlebt. Doch wer sich alle Möglichkeiten offenhalten möchte, kann nirgendwo wirklich ankommen. Lena erlebt deshalb Momente von Rastlosigkeit, Unsicherheit und Erschöpfung. Die Sehnsucht nach Verbindlichkeit, Zugehörigkeit und Ankommen findet in ihrem Leben ebenso wenig Raum wie bei Julia die Sehnsucht nach Freiheit und Lebendigkeit. Lenas Freiheit, die Julia insgeheim fasziniert, hat auch ihre Schattenseiten.

So entsteht zwischen Mutter und Tochter ein spannungsreiches Verhältnis. Julia fragt mit ihren besorgten Blicken:

„Wann übernimmst du endlich Verantwortung?“

Lena fragt durch ihr Handeln:

„Wann hörst du auf, nur zu funktionieren?“

Beide berühren damit etwas Wahres. Und beide verteidigen eine Lösung, die ihnen hilft, mit ihren eigenen Ängsten umzugehen.

Die Frage hinter der Erschöpfung

Auf den ersten Blick scheint Julia vor allem unter Stress zu leiden. Eine Therapie beschäftigt sich vielleicht nicht nur mit den Sorgen um die Tochter oder mit Strategien gegen Erschöpfung. Sie versucht zu verstehen und zu erkunden, ob neben der verantwortungsvollen Seite vielleicht noch andere Anteile existieren, die ebenfalls gelebt werden möchten. Vielleicht geht es darum, dass beide Seiten einen Platz bekommen dürfen: die vernünftige und die lebendige. 
Es geht also nicht immer nur um Schmerz, Mangel oder alte Verletzungen. Manchmal geht es auch um ungelebte Wünsche, Möglichkeiten und Formen von Lebendigkeit.

Die Konsequenzen daraus können natürlich vielfältig sein. Vielleicht bleiben äußere Lebensumstände weitgehend bestehen und es verändert sich vor allem die innere Haltung. Manchmal führen neue Einsichten jedoch auch zu konkreten Entscheidungen und Veränderungen im Leben.

Zu Risiken und Nebenwirkungen

Die Fallbeispiele sind natürlich stark vereinfacht. Während ein Roman mehrere hundert Seiten, eine Serie viele Stunden oder ein Musikalbum zahlreiche Lieder nutzen kann, um die Innenwelten erfahrbar zu machen, sind diese Fallbeispiele ein Versuch mit wenigen Absätzen auskommen. Dadurch gehen viele Zwischentöne verloren. Die meisten Menschen sind widersprüchlicher, komplexer und interessanter, als es eine solche kurze Erklärung vermitteln kann. Dennoch hoffe ich, dass anhand der vereinfachten Beispiele die Ideen zur Wirkung von unbewussten Verstrickungen, Wünschen und Ängsten anschaulich werden.
Die Realität hällt sich dann aber oftmals nicht an die Dramaturgie einer Psychodynamik. Sie ist vielschichtiger und machnmal auch chaotischer. Auch der Verlauf einer Psychotherapie kann in wirklichkeit sehr unterschiedlich sein und führt nicht immer zu den gewünschten Zielen oder Entlastungen. Eine Psychotherapie kann immer auch wirkungslos sein, kann scheitern oder unerwünschte Wirkungen haben. Auch in einer Psychotherapie kann sich die unberechnbarkeit des Lebens zeigen.

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